NABOKV-L post 0019024, Sat, 2 Jan 2010 07:56:29 -0500

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Vladimir N abokov: Da s Modell f ür Laura . ..
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Vladimir Nabokov: Das Modell für Laura






Von Britta Koth

Samstag, 2. Januar 2010


Vladimir Nabokov hatte verfügt, sie zu verbrennen: Die Sammlung von Karteikarten, die Das Modell für Laura bildeten. Sein Sohn Dmitri widersetzte sich dem väterlichen Willen und veröffentlichte den Roman-Baukasten dennoch. Mit der Begründung, Nabokov habe das Fragment in einem Atemzug mit Lolita genannt, und etwas so Wertvolles könne niemals vernichtet werden. Außerdem hätte auch Lolita in Flammen aufgehen sollen, wäre es damals nach ihrem Schöpfer gegangen. Nur dem Eingreifen von Nabokovs Ehefrau Vèra verdanke Lolita, dass sie heute lebendiger sei als in ihrem Erscheinungsjahr 1958.

Es gab eine hitzige Debatte darüber, ob man so mit dem letzten Willen seines Vaters und den finalen Wünschen eines Genies umspringen könne. Schließlich habe Nabokov alles Unfertige gehasst wie trübe Tage bei der Schmetterlingsjagd. Rezensenten wanden sich vor Scham wie Raupen, weil sie in dem vom Herrn und Meister nicht frei gegebenen literarischen Nachlass wühlten und hinter seinem Rücken beim Verscherbeln seines literarischen Tresorinhalts halfen. Erfrischend dazu der Kommentar eines Will, Boulder US, den Dmitri Nabokov in seinen Danksagungen dem Buch voranstellt: „(...) den zahlreichen Artikeln entnehme ich, dass Nabokov seinem Sohn gesagt hat, er soll das Manuskript verbrennen. Hat er je gesagt, dass er es nicht veröffentlichen darf? Erst veröffentlichen, dann verbrennen.“

Nun – es ist geschehen: Das Modell für Laura ist draußen. In den Jahren vor seinem Tod 1977 hat Nabokov das Gerüst der Erzählung auf 138 Karteikarten notiert. Die Geschichte handelt von dem weltberühmten und adipösen Neurologen Philip Wild, der mit einer jungen Frau verheiratet ist, die ihm übel mitspielt. Flora ist aber nicht nur seine narzisstische Gattin – sie ist auch Protagonistin des Schlüsselromans „Meine Laura“, in dem sie zu bizarren Ausschweifungen neigt. Wild selber hat ständig irgendwelche Probleme mit seinen Füßen und arbeitet an einem Roman, in dem er seine Experimente mit dem Tod beschreibt. Nabokovs Roman wiederum trägt den Untertitel „Sterben macht Spaß“.

Das alles zu lesen macht keinen Spaß. Was der Klappentext als „vertrackt komplexe Geschichte“ ankündigt, ist bestenfalls ein verstiegenes Durcheinander, eine effeminierte Effekthascherei, durchzogen von geronto-libidinösen Sehnsüchten à la später Bertolucci. Wenn es heißt: „Sie war oft allein im Haus mit Mr. Hubert, der ständig um sie „herumstrich“ (rôdait), dazu eine monotone Melodie summte und sie gewissermaßen hypnotisierte, sie sozusagen mit einer klebrigen unsichtbaren Substanz umhüllte und immer dichter herankam, wohin auch immer sie sich wandte“, dann humpelt dem Nabokov-Kenner ein derangierter Doppelgänger des dämonischen Humbert-Humbert aus der unsterblichen Lolita entgegen.

Und es geht à la Karte weiter: „ (...)Mrs. Lind fluchte auf die alte Haushälterin, die statt Asperin aspèrge (Spargel) gekauft hatte und eilte selber in die Apotheke. Mr. Hubert hatte seinem Schatz ein sinniges Geschenk mitgebracht: ein Miniaturschachbrett („sie kannte die Spielregeln“) mit kitzlig aussehenden kleinen, in die Felder gebohrten Löchern, um die roten und weißen Figuren aufzunehmen und festzuhalten; die stecknadelgroßen Bauern drangen leicht ein, aber die etwas größeren Offiziere mussten mit einem enervierenden Rütteln hineingezwängt werden (...).“ Wer derartige Steck- und Versteckspiele jetzt noch weiter verfolgen möchte, ist selber Schuld. Auf der Karte 112, ...„als sie auf dem Bahnsteig von Sex, einem reizenden Schweizer Kurort, der berühmt war für seine karminroten Pflaumen (,) auf ihren Zug wartete....“, beginnt man zu vermuten, dass der Zug für Flora-Laura endgültig abgefahren ist.

Alles, was in Lolita oder Ada ein schimmerndes Gespinst an Andeutungen, ein elastisches Gewebe aus Metaphern und Alliterationen, ein Netz aus dunstigen Doppeldeutigkeiten war, bekommt in Laura den abgestandenen Atem von Altherren-Anzüglichkeiten, peinlichen Phantasien und den pflaumensaftroten Klebrigkeiten schlüpfriger Anspielungen. Dass hier und dort ein Wort oder ein Satz verhext, dass ein Anhauch des bekannten Titanen-Temperaments aufscheint, ist kein Trost – im Gegenteil: Es ist trostlos zu lesen wie Nabokovs Karteikartenleichen mitten in der Metamorphose zum Schmetterling eines fertigen Romans stecken bleiben, um anstatt zum Falter zur Folter zu werden.

Also noch einmal: Warum hat Dmitri Nabokov diese präletale, präsenile und pädophile Prosa-Puppe namens Laura wirklich in die Welt kriechen lassen? Die Antwort findet man am Ende des Vorworts: „Nun denn, ich bin ein netter Kerl, und da mir aufgefallen ist, dass Leute auf der ganzen Welt mit mir per Vorname sind, wenn sie mitleidig „Dmitris Dilemma“ beklagen, dachte ich, es wäre nett, ihr Leid zu lindern.“

Sieh an.

Vladimir Nabokov, Dmitri Nabokov (Hrsg.): Das Modell für Laura: Sterben macht Spaß. 318 Seiten, Rowohlt, 2009









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