NABOKV-L post 0018902, Thu, 3 Dec 2009 09:30:38 -0500

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Nabokovs letzter Roman ...
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Donnerstag, 03. Dezember 2009
Fantasien von jungem Fleisch
Nabokovs letzter Roman

Die Aufführung der Neuverfilmung der literarischen Vorlage von Nabokovs "Lolita" löste auch 1998 noch heftige Proteste aus.(Foto: picture-alliance / dpa)

Eigentlich war Vladimir Nabokovs letzter und unvollendeter Roman "Das Modell für Laura" für das Feuer bestimmt. So hatte es der Autor des berühmten Skandalromans "Lolita", in dem der pädophile Humbert eine Zwölfjährige begehrt, für den Fall seines Todes bestimmt. Doch das mit Bleistift auf 138 Karteikarten skizzierte "Laura"-Fragment, in dem es auch um die Beziehung einer jungen Frau zu einem alten Mann geht, überdauerte mehr als 30 Jahre lang in einem Schweizer Banksafe. Dmitri Nabokov , Sohn des 1977 gestorbenen Schriftstellers, veröffentlichte das Manuskript gegen den väterlichen Willen - und machte daraus ein Medienspektakel.

Der von russischen Blättern als geschäftstüchtig beschriebene Nabokov-Sohn löste mit der Herausgabe des geheim gehaltenen Textes nicht nur eine internationale Debatte unter Experten aus. Es ging ums Verbrennen oder Nicht-Verbrennen. Vor allem aber ist die Veröffentlichung ein ausgebuffter Marketingcoup. Die alles in allem vielleicht 34 Buchseiten wurden zu einem Buch mit über 300 dünn bedruckten Seiten aufgeblasen. Angelegt war der Roman nur auf 200.
Altmännerfantasien von jungem Fleisch

Nabokov schrieb das Werk in der Endphase einer langen Krankheit.

Auch das Auktionshaus Christie's, das am 4. Dezember die Karteikarten in New York versteigert, hofft auf ein besseres Ergebnis als die geschätzten 400.000 bis 600.000 US-Dollar. Nabokov junior, ein ehemaliger Opernsänger, geriet mit der Inszenierung um das Buch vor der Auktion in den Verdacht, den Preis in die Höhe treiben zu wollen. Tatsächlich sind diese Karteikarten etwas für Liebhaber: eine lückenhafte Geschichte um einen selbstmörderischen Psychologen und seine frivol-lasterhafte junge Frau, eine kühle Sexbombe, wie sie aus vielen seiner Werke bekannt ist.

Die russische Zeitung "Kommersant" empfahl, diese paar typischen Nabokov-Sätze doch lieber in einem Band mit gesammelten Werken unterzubringen. Vieles hier dreht sich um Altmännerfantasien von festem jungem Fleisch. Ein Beispiel: "Die tassengroßen Brüste dieser vierundzwangzigjährigen ungeduldigen Schönheit wirkten mit ihren blassen schielenden Warzen und der festen Form ein Dutzend Jahre jünger als sie selbst." Später geht es oft um die Vergänglichkeit des Lebens und lebensgefährliche Experimente.
Einblick, wie ein Roman entsteht

Dmitri Nabokov vor einem Foto seines Vaters, der am 2. Juli 1997 im schweizerischen Montreux verstarb.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Leser der englischen Ausgabe können die Karteikarten dank Perforierung leicht herauslösen - und unterschiedlich anordnen. Bei der deutschen Ausgabe geht das nicht. Auf der linken Seite ist das handschriftliche (englische) Original und rechts die deutsche Übersetzung gedruckt. Wer die Folie eines frischen Exemplars abreißt, sieht seine Erwartungen deshalb leicht enttäuscht: halbleere Seiten mit wenig ausformulierter Nabokov-Prosa, bei der aber immerhin wie gewohnt dunkle Innenwelten an die Oberfläche treten.

Der Leser erhält einen Einblick, wie ein Roman entsteht, wie der Autor streicht und umformuliert. Das Buch enthält auch das Für und Wider um seine Veröffentlichung. Befürworter vergleichen dies mit anderen Fällen, in denen Vertraute die Wünsche der Autoren nicht befolgten - etwa Max Brod, der Franz Kafkas Werke herausbrachte und dem Prager Schriftsteller nach seinem Tod Weltruhm bescherte.

Freilich handelt es sich bei Nabokov, der wegen der Oktoberrevolution von 1917 ins westliche Exil geflohen war, um einen bereits gestandenen Autor, der besonders penibel an seinen Werken arbeitete. Vielleicht wäre ihm deshalb die Veröffentlichung dieses Entwurfs doch nicht recht gewesen. Dmitri Nabokov weist dies zurück. Er habe seinen Vater besser gekannt als jeder andere. Doch räumt auch er ein, dies sei ein "Meisterwerk im Embryonalstadium".

Vladimir Nabokov: Das Modell für Laura, Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 318 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-498-04691-0

Ulf Mauder, dpa




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